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Bericht: Joel in Morogoro

Weltwärts in Tansania: Agape Children's Village

Was hast du neu über dich gelernt/ an dir entdeckt?

Ich habe gelernt, was meine Schwächen und Stärken sind, meine Stärken besonders einzubringen und an meinen Schwächen zu arbeiten. Was ich an mir entdecken konnte waren Gefühle, die ich noch nie zuvor in dieser Intensität erlebt und verspürt habe, das waren Liebe, Unsicherheit, Spannung aber auch das Gefühl falsch zu sein, nach Hause zu wollen, Wut und ein Gefühl das man verspürt wenn man eigentlich jeden Grund hätte wütend und frustriert zu sein, dann aber einfach nicht kann weil dieses Gefühl der Zuneigung und Liebe einfach alles übertrifft.

 

Ansonsten habe ich aber auch meine praktischen Seiten kennengelernt und wirklich viel Spaß daran gefunden, so dass ich nun, nachdem ich ein Jahr lang fast ganz ohne Theorie ausgekommen bin, sogar ein wenig Angst vor dem bevorstehenden Studium habe.

 

Was hast du über die Menschen in deinem Gastland, über dein Gastland gelernt?

Ich habe gelernt, dass egal wo man herkommt oder hingeht, überall findet man ein Fünkchen Liebe, ein Fünkchen Freude und das meiste was man in einem neuen Land vorfindet ist das, was man selber mitbringt. Was ich damit sagen will ist folgendes. Es gibt so viele Leute, die sich auf Selbstfindungstrips machen, durch die Welt streifen nach einem besseren Fleckchen, auf der Suche ihre Probleme und Sorgen hinter sich zu lassen. Aber so lange wie sie sich selbst mit schleppen kriegen sie nicht mit, dass das Problem eigentlich bei ihnen liegt.

 

In dem Bezug war das Jahr auch für mich gut, weil mir Eigenschaften an meinem Charakter erst dadurch aufgefallen sind, weil ich mit Eigenschaften der einheimischen gar nicht zurecht kam.

Solche Dinge sind Zeit, Scham, Kommunikation, Engstirnigkeit …, sobald ich jedoch Deutschland verlassen habe bin ich zum Botschafter geworden, Botschafter unserer Kultur, Botschafter unseres Heimatlandes. Als Botschafter muss man sich anpassen, auf Leute zu gehen, die Kultur kennenlernen und begreifen um auf sie einzugehen und verhandeln zu können.

 

Durch diese und die inneren Verhandlungen (in mir zwischen den beiden Kulturen) ist mir erst aufgefallen wie stark mein deutscher innerer Standpunkt eigentlich ist und was deutsche Werte für mich bedeuten. Die Herausforderung jedoch war nun diese teils über Bord zu werfen um offen zu sein für das Neue, das Andere. Als Botschafter lassen sich Werte, Weltanschauungen nun weiterfassen, es gibt nicht mehr nur das Eine richtige und Anderes ist nicht automatisch schlecht.

 

Bei der tansanischen Kultur ist mir aufgefallen, dass ihnen genau das nicht so leicht fällt, während ich mit Globalisierung und dem Wissen aufgewachsen bin, dass wir Deutschen nicht die einzigen auf der Welt sind und es noch ganz andere Völker gibt, fehlt vielen Afrikanern und ich glaube ich kann diese Aussage hier auch verallgemeinern, dieser Weltblick fehlt, viele gehen davon aus, dass es überall genauso ist wie bei ihnen, dass die Leute genauso denken, ihnen gleiche Werte wichtig sind und das macht es für uns Europäern manchmal auch schwierig mit Situationen klar zu kommen, weil an uns immer die Erwartung gesteckt wird, wir sollen uns anpassen, wir sollen helfen, jedoch kein Entgegenkommen stattfindet wie man das in Europa erwarten würde.

 

Was hat dich beeindruckt?

Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Genügsamkeit der Leute, die sich mit dem zufrieden gaben was sie hatten, während bei uns sofort genörgelt wird, wenn einer von 10 Aufstrichen fehlt, ist es den Tansanern gleich ob es nun heute das Brot trocken gibt oder mit der Blue Band (Margarine). So sind die Leute selbst in tiefster Armut glücklicher mit ihrem Zustand, als Deutsche des Mittelstandes die sich Gedanken um ihre Rente und wirtschaftliche Absicherung machen und täglich über die harte Arbeit stöhnen.

 

Beeindruckt war ich aber auch von den starken Frauen, die in dieser Kultur ihren Platz einnehmen, sich unterordnen und täglich schuften für ihre Familien. Ich glaube ohne Zweifel sagen zu können, dass die Entwicklung Tansanias zu einem großen Teil von den Frauen getragen wurde.

 

Was ich auch sehr beeindruckend fand, das war die Tatsache zu sehen, trotz der ganzen Spontanität und des anderen Zeitgefühls, dass es trotzdem Abläufe und Ordnungen gibt, wo die Afrikaner noch viel strikter und genauer sind als wir es vielleicht sind und das hat mir nur umso mehr gezeigt, dass es auch viele Dinge gibt, die uns trotz der vielen Verschiedenheiten entscheidend verbinden.

 

Was ist dir wichtig geworden?

Mir ist besonders wichtig geworden, dass es Dinge gibt in dieser Welt die grausam und fürchterlich sind und das es davon so viel auf dieser Welt gibt, ich aber lernen muss die Verantwortung  im kleinen Rahmen zu übernehmen, in dem Einflussbereich in dem ich mich bewege weiterzugeben, Leuten zu dienen, da wo sie Hilfe brauchen.

Das Liebe, der Schlüssel zu dem Herzen eines jeden ist und Türen öffnet wohin man auch geht.

 

Die Zusammenarbeit und Kommunikation in einem Team sehr wichtig ist, und das ein Team Strukturen brauch. In jeder mir bekannten Kultur findet man irgendeine Form der Hierarchie.

Seien es Häuptlinge, die Eltern, generell die Älteren, Leute mit einem gewissen Stand in der Gesellschaft aufgrund von politischem Mitsprache Recht, der wirtschaftlichen Position oder Bekanntheitsgrad, die meisten Konflikte auch durch diese Leute entfacht und befeuert werden, weil man sie sich ihrer Position bewusst machen und dementsprechend nicht nachgeben dürfen.

 

Was möchtest du in dein Leben integrieren?

Integrieren will ich auf jeden Fall ihre Genügsamkeit und Freude und Gastfreundschaft. Aber auch ihre Sichtweise auf das Leben, einfach nicht immer alles negativ sehen, sondern Ideen und Träumen Raum schaffen zur Umsetzung und nicht durch Planungen in Richtung der nächsten 10 Jahre alle Begeisterung und Initiative ersticken lassen. Was ich integrieren möchte ist auch die Flexibilität, ich meine ich habe nun gesehen, dass es außer dem deutschen auch noch einen ganz anderen Weg gibt, sein Leben zu organisieren, zu Leben, Probleme zu bewältigen und dergleichen. Aber auch die Fähigkeiten, die ich gelernt habe sensibel auf eine neue Kultur und ihre Eigenheiten einzugehen und sie nicht von vornherein zu verurteilen.

 

Was hast du ggf. über Deutschland, über dein Leben in Deutschland gelernt?

Ich habe gelernt, dass das Leben was ich in Deutschland lebe ein Vorrecht, ein Privileg ist. Was  unser Land an Chancen und Bildung und sozialem Wesen bereithält gibt es in keinem Land, nirgendwo sonst sind die Leute so gut abgesichert wie in Deutschland. Und das nicht nur wirtschaftlich, in dem Jahr war ich auch immer wieder mit Kriminalität konfrontiert und musste mich an Regeln halten, abends nicht mehr alleine außerhalb des Geländes oder in der Stadt unterwegs sein, um meine Sicherheit zu bewahren.

 

Auf der anderen Seite habe ich aber auch gemerkt, dass wir mit dem Leben was wir führen auch eine Verantwortung tragen, Leuten zu helfen. All das was an uns weitergegeben wurde und auch unseren finanziellen Mittel sind so gewaltig und zielbewusst eingesetzt kann so viel erreicht werden. Das Jahr hat mir für solche Möglichkeiten der Hilfe auf jeden Fall die Augen geöffnet. Aber auch die Erfahrung gemacht zu haben mal fremd in einem Land zu sein, sich anpassen zu müssen da wo es einem selbst vllt. nicht passt oder sich dort zu integrieren wo man lieber gerne nur unter Leuten der eigenen Herkunft wäre. Das sind Umstände die meinen Blick auf Deutschland aber auch meine Sicht auf die Probleme mit Immigration und Integration in Deutschland grundlegend verändert haben.