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Interview: Jan Luca in Pretoria

Weltwärts in Südafrika: POPUP

Das folgende Selbstinterview ist Jan Lucas Abschlussreflektion seines weltwärts-Einsatzes in Südafrika:

 

Frage: Sehr geehrter Jan Luca, wir fangen jetzt gar nicht mit Südafrika an, sondern zu Beginn möchte ich dich fragen, was deine ersten Eindrücke von deiner Heimat Deutschland sind.

 

Antwort: Nun am Flughafen in Stuttgart, bin ich mir als erstes bewusst geworden, dass auch die anderen Leute um einen herum deutsch sprechen und man ein bisschen vorsichtiger sein muss, was man von sich gibt. In Südafrika hatten wir drei unsere „eigene Sprache“, was in manchen Situationen hilfreich war und auch in ganz vielen sehr, sehr witzig.

 

Neben dem offensichtlichen, der Sprache, was ist dir sonst noch aufgefallen?

Nun das die Menschen nicht miteinander reden – nicht so wie in Südafrika, sondern eher schweigend vor ihrem Handy sitzen und dir auch kein grundloses, herzliches Grinsen bis zu den Ohren entgegenkommt. Es war eine allgemein viel kühlere und unfreundlichere Atmosphäre. Auch die Hilfebereitschaft ist nicht so des Deutschen Sache, kann ich behaupten. Ich erinnere mich, ziemlich fertig von der langen Reise schon, in einen Bus gestiegen zu sein mit einem Koffer von 35 Kilo Gepäck. Es war also ein sehr großer Koffer und ich hatte offensichtliche Schwierigkeiten, mit dem breiten Koffer in den Bus zu kommen, was der Busfahrer ganz genau gesehen hat, da er direkt am Eingang saß. Doch anstatt mir zu helfen, ist er sitzen geblieben, hat mir zugeschaut und danach eine geraucht.

 

Man kann so eine These wie „die Deutschen sind nicht hilfsbereit“ nie verallgemeinern und auf ganz Deutschland übertragen aber wurde mir bewusst wie hilfsbereit andere Kulturen sein können.

 

Das mit dem Busfahrer hat mich aber alles gar nicht aufgeregt. Wir wurden ja hinreichend vorgewarnt. Eine für mich persönlich große Sache, welche ich gelernt habe, ist das Kontrollieren von Gefühlen und sich nicht provozieren zu lassen. Es liegt immer an mir, ob ich auf jede Kleinigkeit stinksauer bin oder ob ich mich entscheide ruhig zu bleiben.

 

Zum Thema Südafrika kommen wir gleich noch. Der Kulturschock in Deutschland blieb also aus?

 

Kann man so sagen. Aber ich bin ja auch erst seit zwei Wochen hier. Im Rückkehrer Seminar haben wir verschiedene Phasen, welche wir als Freiwillige, wahrscheinlich durchlaufen werden, kennen gelernt. Diese Phaseneinteilung erschien mir schlüssig und ich muss sagen, ich bin noch in der Touristenphase, in welcher alles schön und neu ist und man aber gleichzeitig auch noch nicht richtig angekommen ist.

 

Bleiben wir dennoch beim Thema Kulturschock. Gab es denn in Südafrika einen?

Ich würde es bei mir nicht als Kulturschock bezeichnen, da mir die Kultur vom ersten Tag an super gefallen hat und ich mich fast das ganze Jahr sehr zu Hause gefühlt habe. Die Leute sind so viel gastfreundlicher als, was meine Familie nur bestätigen kann, als sie mich besuchen war. Und auch offen, Sachen von sich preiszugeben, was für uns nicht allzu selbstverständlich ist.

 

Im Nachhinein ist mir jedoch aufgefallen, dass es in der Mitte des Jahres irgendwie ein Stimmungsloch gab. Ich denke jetzt, dass dort mehrere Faktoren reingespielt haben, doch dass es weniger die Kultur war. Es war irgendwie ein Mix aus dem Ende der Touristenphase und Anfang des „Alltags“, persönliche Konflikte und ein Entfremdungsgefühl, was meiner Offenheit nicht gut getan hat und ich mich mehr zurückgezogen habe. Das war aber zum Glück nur eine kurze Zeit und danach ging es wieder rasant bergauf.

 

Gut, ganz am Ende des Jahres, also wirklich die allerletzen paar Tage, hab ich mich eben auf Deutschland gefreut und mir gesagt: „Ach in Deutschland wäre das jetzt nicht passiert.“ Oder „In Deutschland ist es dann doch ordentlicher.“ Und mich somit über manche Sachen ein bisschen aufgeregt aber mehr aus Spaß, als Ernst.

 

Nun hast du mir ja von deinen schwierigeren Phasen erzählt aber du brennst bestimmt darauf, deine positiven Erfahrungen zu erzählen.

Viele der Menschen in Südafrika haben mich immer gefragt, was war denn „das Schönste“ oder im Original: „What did you like most?“ Und jedes Mal habe ich neu darüber nachgedacht und auch jedes Mal ist mir nie das einzelne beste Erlebnis in den Sinn gekommen, sondern her eine ganze Fülle an Eindrücken, Erlebnissen, Gedanken, Bildern, Tieren, Gerüchen, Landschaften, Worten, Gefühlen, Gesprächen und nicht zuletzt Menschen. Was man natürlich UNMÖGLICH in einem Word-Dokument unterbringen kann. Doch was ich versuchen kann, ist Sachen, welche ich gelernt habe und ein paar einzelne schöne manchmal auch verrückte Moment zu reflektieren.

 

Na dann mal los. Ich denke wir sind hier alle schon ganz gespannt.

Also wie ich schon gesagt habe, ist die Kultur oder besser gesagt die KulturEN in Südafrika sehr offen und freundlich. Wir drei Volontäre kamen gerade erst aus der Schule in ein fremdes Land, doch wurden so gastfreundlich und offen empfangen, dass es uns viel leichter viel anzukommen und Kontakte zu knüpfen. Zum Beispiel, dass Leute, die man das erste Mal trifft dir gleich ins Gesicht lachen, dich umarmen und man sich fühlt als wäre man schon Jahre mit ihnen befreundet.

 

Das mit der Gastfreundlichkeit hast du sicher schon so oft gehört, dass es dir langweilig geworden ist aber gerade jetzt, wo man schon eine Zeit im Land ist, merkt wann erst wie besonders das war. Auch habe ich es sehr genossen fremde Leute anzureden und einfach ein Gespräch zu beginnen und mich zu unterhalten. Anfangs hat es noch Überwindung gekostet aber im Laufe der Zeit war es komplett normal und hat zum Alltag gehört.

 

Südafrika ist ein Land voller Gegensätze, wo schönes und weniger Schönes dicht zusammen wohnen. Somit war es oftmals schwierig bittere Armut und reiche Villen ein paar Straßen entfernt zu sehen und es gab auch schon mal den einen oder anderen hoffnungslosen Moment. Auch kann es schwer werden, wenn man sich bewusst wird, dass viele Menschen kaum eine Möglichkeit haben aus ihren Umständen rauszukommen. Doch ich denke daraus resultiert eine der wichtigsten Lerneffekte. Man wird sich bewusst, was und vor allem wie viel wir hier in Deutschland haben und dass es nicht selbstverständlich ist. Ich habe eine tiefe Dankbarkeit entwickelt für meine Möglichkeiten, Bildung und die Sicherheit, welche wir hier genießen dürfen. Auch bin ich viel bewusster im Umgang mit Ressourcen geworden.

 

Kurze Zwischenfrage: Umweltschutz in Südafrika?

Gute Frage aber leider fast nicht vorhanden. Leider! Ein so artenreiches Land mit unglaublichen Landschaften, wird dennoch so verschmutzt. Ich sehe sehr viel Potential, was Umweltschutz betrifft. Ich glaube viele Leute sind sich einfach nicht bewusst, was sie anrichten, wenn sie Müll ungeachtet wegschmeißen. Im Übrigen halte ich das für ein typisches Südafrikanisches und bestimmt auf so viele Länder mehr zutreffendes Beispiel. Wenn man keine gute Bildung erhalten hat, woher soll man dann wissen was gesund und „gut“ ist. Im Gesundheitsbereich genau dasselbe. Wir haben einen unserer Fokusse auf Gesundheitsbildung gerichtet, da viele Leute nicht es nie gelernt haben, was gesunde Ernährung bedeutet.

 

Fortschritt kommt langsam und es kann oft enttäuschend wirken, wenn man aufgebaute Projekte wieder in sich einstürzen sieht. Doch umso größer ist die Freude, wenn etwas nachhaltig bestand hat und das Projekt praktisch von selbst weiter läuft.

 

Hört sich sehr interessant an. Ich glaub in dem Jahr hast du dich sehr verändert. Was für Veränderungen hast du sonst noch spüren können?

Der Prozess des Erwachsen-Werdens drückt es ganz gut aus. Das erste Mal über längere Zeit ohne Eltern und alleinständig leben, lässt einen enorm wachsen. Dazu kam das Leben in einer Großstadt, was für mich sehr neu war und vor allem als wir umgezogen sind, mussten wir jeden Tag mit dem Auto zu unserer Einsatzstelle fahren und haben somit ein erstes Gefühl bekommen, wie es sich anfühlt im Stau zu stehen und wie so viele Millionen Menschen sich regelmäßig regelmäßig mit dem Auto fortzubewegen.

 

Ich bedanke mich für die offenen und ehrlichen Antworten. Könntest du denn ein Freiwilligen Jahr, wie du es gemacht hast, entweder in Südafrika oder auch ganz im Allgemeinen, weiterempfehlen.

Ich hoffe diese Frage erübrigt sich nach dem Interview. Wie gesagt war es eine enorme Bereicherung und gerade Krisen, wo man zum Beispiel auf sich allein gestellt war, haben sich als wichtige Punkte in meinem Leben herausgestellt, an welchen ich gewachsen bin. Ich denke für mich war Südafrika perfekt und kann aber gleichzeitig allgemein Freiwilligenjahre absolut weiterempfehlen!!!