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Poetry Slam: "Was ich noch sagen wollte" von Agnes

weltwärts in Nicaragua

Agnes hat als Abschlussdokumentation ein Poetry Slam über ihr Jahr in Nicaragua verfasst.

Hier kannst Du es Dir anhören: Poetry Slam anhören

 

Was ich noch sagen wollte

 

Danke wollte ich noch sagen,

für die Zeit, die ich erlebt habe,

in der ich so sehr gelebt habe,

in der ich angefangen hab

zu träumen

von einer besseren welt

mit den Menschen im Mittelpunkt,

dem Ego im Hintergrund

und ohne das verdammte Geld, dieses Geld.

Träume

Von mehr Herzenswärme

von Bauchgefühlen und Gerechtigkeit

von erkennen und einsicht

und Hinwendung zur Menschlichkeit.

Träume, viel konkreter noch,

von Ortega als Kämpfer für sein Volk

von Armut ohne den verderbenden Stolz

von integerer Staatsgewalt 

von Polizei die bei Verbrechen endlich

den Täter und nicht das Opfer abknallt.

 

Bitte wollte ich noch sagen,

für literweise Herzblut,

das Nicaragua gewidmet ist,

für Ideen und Schaffenswut

die ich verwirklicht sehe

jetzt, während ich schleppenden Schrittes zurückgehe

in mein neues altes Leben.

Bitte wollte ich auch sagen

Für die Liebe zu den Menschen

Die ich so sehr empfunden, geschenkt

Und ehrlich gezeigt habe,

die mir geholfen hat, zu helfen und vielleicht

zu verändern, wer weiß.

Liebe, die mir aus der Ferne das Herz jetzt zerreißt

und mich wohl für immer an ein Land schweißt,

das vor einem Jahr

nur ein unbekannter Fleck

auf der riesigen Weltkarte war. 

 

Entschuldigung wollte ich noch sagen,

für das was falsch gelaufen ist,

für all den Mist,

der eben passieren musste.

für falsche Worte, Zurückweisung und schlechte Tage,

für Dinge, bei denen ich mich heute frage:

„Musste das wirklich sein?“

Für kein Bock und Langeweile

Für Trägheit oder zu viel Eile,

für Augen, die so viel sehen, doch das Herz nicht erreichen, 

für Ignoranz und Egoismus, das alles soll heißen:
Ich hätte mehr tun können.

 

‚Ich bin überwältigt’, wollte ich noch sagen

von der Gattung Mensch,

die voll so vieler Facetten steckt.

Diese Menschen, die statt Verbitterung Großzügigkeit zeigen,

die mit Problemen kämpfen und so viel leiden

und dabei trotzdem mehr geben als sie eigentlich haben.

Deren Existenz manchmal hängt am seidenen Faden

Die nie die Lebenslust verlieren und das Herz für andere

Die kämpfen und sich selbst dabei hinten anstellen.

Die nicht neiden sondern gönnen

Und eines wirklich gut können:

Dankbar sein für das was ist statt zu bedauern, was nie sein wird.

Ich bin überwältigt von diesen Menschen.

 

Ich wollte noch sagen, dass ich manchmal verloren bin,

denn ich bin mir nicht ganz sicher, wohin

ich eigentlich gehöre. 

Ich fühle mich wohl hier

Zwischen Bildung und Zuverlässigkeit

Zwischen Feminismus und Kampf für Gerechtigkeit.

Zwischen Winter und Sommer

und interessierten Menschen,

die ehrgeizig sind und an so vieles denken,

von Politik über Umwelt zu Religion,

ja hier fühle ich mich wirklich wohl - doch

ein Teil von mir gehört mehr dahin,

wo die Türen offen sind und die Nächte laut

wo die Kleidung bunt und der Umgang vertraut

wo Hängematten schwingen im Wind.

Dahin, wo Straßenspanisch durch die Märkte pfeift,

wo die Sonne brennt und wo ganz selbstverständlich Zeit

für Gespräche, gemeinsames Lachen

und Zuhören bei ernsteren Sachen

im Überfluss verschenkt wird.

 

Danke muss ich jetzt noch einmal sagen

Für die Zeit, die ich erlebt habe,

in der ich so sehr gelebt habe,

die mich zu der gemacht hat, die ich heute bin.

Diese Zeit, die ich nicht missen wollte

für alle Reichtümer dieser Welt,

die mich unabhängiger gemacht hat und frei,

zu einem Menschen, dem vieles nicht gefällt,

zu einem, der aber weiß, was er will.

Ein Mensch, der sich gegen Vorurteile und Ungleichheit sträubt,

der Ideale hat und sich jetzt auf eine Zukunft freut,

in der er endlich zu wissen glaubt,

was wirklich zählt im Leben.