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Bericht: Mein Jahr in Nicaragua von Sophie

weltwärts in Nicaragua

 

Jeder Anfang ist schwer, aber ein Anfang muss gemacht werden. Man trennt sich von seiner Familie, seinen Freunden und seinen Gewohnheiten.

Es beginnt ein Abenteuer.

Ich habe vom Anfang des Jahres bis zum Ende Nicaragua immer wieder in völlig verschiedenen Fassetten gesehen. Doch auch mich selbst konnte ich immer wieder neu kennenlernen. Was in einem steckt, wird manchmal erst in Krisen und Herausforderung sichtbar.

 

Mein Jahr in Nicaragua in 4 Teilen.

 

Teil 1 – Ich als kleines Küken

Am Anfang war ich ein bisschen wie ein Küken. Ich wusste nicht wirklich viel über das Land. Wie verhält man sich so als Nica? Ich konnte auch nur, wie ein Küken reden. Meine Sätze waren sehr einfach und kurz, aber man konnte mich verstehen. In meiner Einsatzstelle, der Bibliothek, war ich dann eher, wie ein erschrockenes Reh. Ich fühlte mich ein bisschen überrumpelt und manchmal wäre ich am liebsten in Schockstarre stehen geblieben. Aber ich wurde so lieb aufgenommen, dass ich gleich lockerer wurde, auch wenn ich immer noch sehr angespannt war und das sollte auch noch lange Zeit so anhalten.

Meine Gastfamilie hat mich sehr lieb aufgenommen und meine Gastmutter war quasi meine Henne. Es kamen langsam mehr Worte aus mir raus und ich lernte laufen und sprechen in der Welt und Kultur von Nicaragua.

Als der erste Schreck überwunden war, musste ich erst mal in den Alltag hineinzukommen. Dazu gehörte mehr Spanisch zu lernen und versuchen, den Bibliotheksplan zu gestalten. Wie eine Vogelmutter ihre Küken einfach irgendwann aus dem Nest schubst, um fliegen zu lernen, wurde ich dort nach Nicaragua geschubst. Ich flog nicht sofort, aber ich flatterte. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ich lernte mehr Spanisch, ich unternahm mehr in der Stadt und irgendwann lernte ich auch Leute kennen, die ich heute als gute Freunde bezeichnen kann.

Auch wenn der Anfang schwer war, habe ich es gemeistert. Es waren nicht die letzten Herausforderungen, aber ich konnte erkennen, dass da noch viel in mir drinsteckt, was rauszuholen ist.

 

Teil 2 – Ich als neugierige Raupe

Fast jedem ist die Geschichte der 'Raupe Nimmersatt' bekannt. In dem ersten Teil der Geschichte isst sie und sie isst und isst, bis sie groß und kräftig geworden ist und sich in ihrem Kokon verpuppt.

Bei mir war das nach der Kükenphase auch ein bisschen so. Abgesehen davon, dass ich tatsächlich gerne aß, weil das Essen dort sehr lecker ist, habe ich versucht immer etwas Neues zu lernen, etwas in mir aufzunehmen. Die Kultur dort ist so vielfältig und man sollte nicht verpassen, was davon zu lernen. Ich habe in mir die Gelassenheit der Nicas aufgenommen. Die Gelassenheit zum richtigen Zeitpunkt mal loszulassen und die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Der Humor, der einem durch schwierigen Zeiten durchbringt. Die Zeit, die ich in einer Gemeinschaft verbrachte, genoss ich immer, denn so eine Gemeinschaft kann einem viel Kraft geben. In Nicaragua achtet man aufeinander und hilft sich gegenseitig. Ich lernte, wie wichtig diese Verbindung ist und dass man sich aufeinander verlassen kann.

All diese Sachen machten mich groß und kräftig, im geistigen und psychischem Sinne. Sie halfen mir in Krisen und machten den Alltag lockerer.

Nach dem kräftig werden, folgt in der Geschichte das verpuppen. Ich habe mich nicht abgeschottet oder irgendwo eingeschlossen, aber solche Eindrücke brauchen auch immer Zeit zum Einsickern in das Herz, in den Kopf oder die Seele. Es war wichtig mal in mich hinein zu gehen und zu hören, was ich brauche und was ich noch tun kann.

 

Teil 3 – Ich als sturer Bock

Wer würde sich selbst schon als sturen Bock bezeichnen? Nun ja.. So war es manchmal. Wenn verschiedenste Kulturen aufeinandertreffen, kann es schon mal zu Reibungen kommen. In der Gastfamilie lief auch nicht immer alles rund und manchmal, wenn Menschen verschiedenes gewohnt sind, sich aber im Recht sehen, dann knallt es. Es kamen Zeiten, da fand ich die Kultur nicht immer ganz einleuchtend und ich als Deutsche, weiß es dann natürlich besser. Aber, dass anders nicht immer schlechter ist, musste ich erst mal erkennen. Ich konnte mich furchtbar aufregen, über die Menschen auf der Straße, die Gastfamilie und sogar über die Kinder auf der Arbeit. Manchmal war einfach alles falsch.

Dank dem Zwischenseminar und anderen Gesprächen mit Anleitern oder anderen Personen, lernte ich die Kultur und die Ursachen, warum sie wie handeln, zu verstehen. Ich war zwar immer noch ein Bock, doch auch ein Bock darf seine Hörner nicht immer wall0s irgendwo gegenhauen. Er hat Stolz und ist anmutig.

In meiner Gastfamilie lernte ich, manche Sachen einfach stehen zu lassen. In der Bibliothek dagegen konnte ich meine Hörner manchmal gezielt einsetzen, um Ordnung zu schaffen. Ich hatte meinen Stolz, doch trotzdem war ich nicht übermütig.

Ich finde es gut, wenn man sich auch mal aufregt und es ist normal mal wütend zu sein, das wichtige ist, der Sache auf den Grund zu gehen und vor allem dann nicht zu verbittern. Dadurch, dass ich mich aufregte, konnte ich neue Fragen stellen und darauf folgen dann Antworten. Beispielsweise:

  • `Warum sind die Kinder in der Bibliothek immer so laut, wild und manchmal einfach nicht unter Kontrolle zu kriegen?´?

Weil zu Hause meistens nicht die Chance haben sich auszuleben, zu toben, zu spielen und Kind zu sein.

  • `Warum denkt mein Gastvater von mir immer, dass ich furchtbar geizig bin?´

Weil er das Bild hat, dass nun mal alle Deutschen viel Geld haben und es in der nicaraguanischen Kultur normal ist, wenn man das Geld hat, dies auch für teurere Sachen auszugeben.

Diese und jede Menge weiteren Fragen, halfen mir mehr über die Kultur und die Menschen zu lernen, doch dazu müssen sie auch gestellt werden.

 

Teil 4 – Nicaragua in Licht und Schatten

Nicaragua ist ein unglaublich schönes Land. Es gibt so viel zu entdecken an Vulkanen, Seen, Lagunen, Stränden u.s.w.. Gastfreundschaft wird sehr groß geschrieben und fast überall, wo man hingeht, wird man freundlich aufgenommen. Ich habe mich letztendlich doch in Land und Kultur verliebt. Doch da, wo die Sonne drauf scheint, liegt im Hintergrund Schatten. Auch den Schatten musste ich kennenlernen. Es gibt viel Armut, vor allem auf dem Land. Frauen werden sehr früh schwanger, Väter verlassen ihre Familien, Kinder können nicht zur Schule gehen und Löhne und Renten sind niedrig. Das beeindruckende ist, dass diese Menschen trotzdem nicht aufgeben. Es wird hart und ehrgeizig gearbeitet.

Ich habe in meiner Zeit dort, zwar niemanden retten können, aber ich hoffe ich konnte den Menschen, die in die Bibliothek kamen und an den Schulen, ein Licht sein. Wir haben zusammen gelacht, getobt, gelernt und zum Schluss auch ein bisschen geweint. Mich haben diese Begegnungen verändert und mein Blickwinkel etwas verschärft auf Dinge, die wir hier in Deutschland verändern können. Eine einzelne Person kann sehr stark sein.

Eine letzte Sache, die mich auch noch sehr bewegte, waren die Proteste, die Mitte April gegen eine Reform begann. Leute gingen auf die Straßen, um was zu verändern und leider sind viele dabei gestorben und verletzt worden. Doch auch in dieser Zeit, die ich zum Teil miterleben durfte, hatten die Menschen Hoffnung, Glaube und niemals ihrem Humor verloren. Diese Art, wie die Menschen mit dieser Krise umgehen ist unbeschreiblich. Diese Kraft und diesen Mut, den ich dort gesehen habe, möchte ich nie vergessen!

 

Ich kann was verändern, auch wenn manchmal nur ganz klitzklein ist.

Und ich wurde verändert und das für immer.