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Leona in Cebu

Abschlussdokumentation IJFD in Cebu, Philippinen

Abschlussdokumentation meines Freiwilligendienstes in Cebu

 

 

„God sees your heart. Do good things without wanting thanks from the people. Just help because God loves you so you will pass this love on to others. Always be humble“

 

Diesen Rat gab mir mein philippinischer Chef Michal Donan, als ich ihn interviewte. Es ist das erste Interview, dass ich geführt habe, aufgeschrieben in einem kleinen glitzernden Heftchen. Ich ging damit zu meinen Arbeitskollegen, WG-Mitbewohnern, Freunden, Taxifahrern und fragte Sie, ob sie mir eine Lebensweisheit mit auf den Weg geben könnten.

Die Menschen waren jedes Mal sehr überrascht. „Was könnte ich dir schon kluges sagen? Ich bin nur ein armer Filipino von der Müllhalde. Mein Leben ist nichts Besonderes.“ Diese und viele weitere Lügen sind in den Köpfen dieser wunderschönen Menschen.

Ich habe in meinem bisherigen Leben noch keine Nation erlebt, wo die Menschen so offen, herzlich und hilfsbereit sind! Für das Wenige, das sie besitzen sind sie dankbar und Familie steht an oberster Stelle.

Diese Kultur ist ein enormer Gegensatz zu dem, was ich in Deutschland wieder vorfand. Hier kommt es mir bei vielen Menschen so vor, dass Sie Dinge lieben und Menschen benutzen, anstatt Dinge zu benutzen um damit Menschen zu dienen.

 

Das habe ich aus meiner Zeit in Cebu mitgenommen: Den Menschen, die Beziehungen als meine erste Priorität zu sehen.

 

Jetzt würde ich gerne einen Mann vorstellen, der nicht nur denselben Namen wie mein Urgroßvater hat, sondern für mich wirklich wie ein dritter Opa geworden ist. Apolonio Tabera, genannt Kuya Terio, ist Hausmeister im Center von IGC. Jeden Tag war er das erste Gesicht, dass mich auf der Arbeit freundlich begrüßt hat. Auch wenn sein Englisch nicht besonders gut ist, bestand er darauf das Interview mit mir alleine, ohne Übersetzer zu machen. Und so saßen wir fast 2 Stunden in seiner kleinen Werkstatt, tranken Tütenkaffee für 3 Cent und unterhielten uns über was im Leben wirklich zählt.

 

 

INTERVIWEW mit Apolonio Tabera (61 Jahre)

 

What are you thankful for?

 

„I am thankful for today and that you interview me.“

 

What ist he best thing that happend to you in your life?

 

Today?“

 

No, in general.

 

„That I am healthy. God survived my body to work at IGC.“

 

( „Ich bin gesund“ das sagt dieser Mann mit Karies im Mund, Atrose in beiden Knien, einem blauen Oberschenkel und einer genähten Platzwunde an der Stirn von einem schweren Motorradunfall, den er zusammen mit seiner Frau vor 2 Wochen hatte.)

Where is your favourite place?

 

„At my place. There are my children and my grandchildren.“

 

What is the most important thing in your life?

 

„Salvation. I always want to serve the Lord with my life.“

 

Do you have a life advice for me?

 

„Learn the word of God. Continue to go to school and univerity. I will pray for you. I will also pray that you come back to the Philippines. We will miss you.“

 

What is your favorite bible verse?

 

1. Korinter 15,58

Bleibt daher fest und unerschütterlich in eurem Glauben. Setzt euch mit aller Kraft für den Herrn ein, denn ihr wisst: Nichts ist vergeblich, was ihr für ihn tut.

 

Dann erzählte er mir, warum er Terio und nicht Apolonio genannt wird:

 

„My mother died at the age of 18. I was three years old at that time. And two siblings. At that time, I already had a lot of scars in my head, here look. (beugt sich zu mir und fährt sich mit den Händen durch die Haare. Eine durch und durch vernarbte Kopfhaut wird sichtbar) My father gave me to my grandmother. She raised me up and helped me with school. She always believed in me and that I will live. She changed my name into Terio. Terio means survivor.“

 

Survivor.

Das sind alle Menschen dort, die ich kennen lernen durfte. Jeden Tag kämpfen sie um das Überleben, um die nächste Mahlzeit, um das Geld für das nächste Schulprojekt. Und doch sind sie zufrieden und dankbar für jeden neuen Tag. Viel in der Zukunft zu planen tut hier niemand. Von Tag zu Tag wird gelebt. Für jeden neuen Tag wird Gott gedankt.

Ich musste in meinem Leben noch nie um das Überleben kämpfen. Meine Grundbedürfnisse und die von fast allen deutschen Staatsbürgern sind gedeckt. Wenn ich mich um etwas Sorge, geht es nie um meine Existenz.

Natürlich sind meine Probleme auch real. Liebeskummer ist schmerzhaft und dass ich zum Feiern gehen meine Lieblingsjeans nicht anziehen kann, weil meine Mama erst jetzt die Waschmaschine angemacht hat, ist auch blöd. Aber jetzt habe ich Menschen getroffen, die mit ganz anderen Dingen zu kämpfen haben. Sie teilen, sie geben gerne und wenn es nur ein Lächeln ist.

In Cebu auf der Müllhalde habe ich den Unterschied zwischen „schön aussehen“ und „schön sein“ gelernt.

In Deutschland geht alles um das Aussehen. Hier eine Diät, dort das neuste i-Phone. Hauptsache ich komme gut an. „Was denken die anderen bloß von mir?“ ist leider das Lebensmotto vieler Menschen in meinem Heimatland.

Nachdem ich am Flughafen meinem Freund und meinem Vater um den Hals gefallen war, kam meine Oma auf mich zu, drückte mich und sagte dann „Du hast aber ganz schön zu genommen. Gell Rene? (schaut zu meinem Freund) Da musst du aber schnell wieder abnehmen, damit dein Freund dich überhaupt noch will.“

Und so war ich nach 5 Sekunden wieder auf Deutschlands hartem Boden angekommen.

 

Schön sein.

Die Frauen auf der Müllhalde sehen nicht wirklich schön aus. Mit ihren wenigen Zähnen im Mund, den Narben, den dreckigen Klamotten, den aufgeblähten Bäuchen und dürren Armen passen sie wohl in kein Schönheitsideal. Doch wenn sie dich ansehen mit ihren tiefschwarzen Augen, aus denen so viel Liebe für ihre Kinder strahlt, scheint alles andere klein neben dieser großen Warmherzigkeit. Für mich sind diese Frauen schöner als irgendein Victoria Secret Model. Und sie sind mein Vorbild geworden. Deswegen habe ich so viele von Ihnen interviewet. Nicht weil sie besonders klug oder erfahren wären. Kaum eine von ihnen hat Cebu jemals verlassen. Aber trotzdem konnte ich so viel von ihnen lernen. Ich will auch so schön sein wie sie. Ich will den Menschen in meinem Umfeld mit Liebe begegnen, ich will teilen, ich will helfen und ich will jeden Tag dankbar sein. 

 

Leona